



© Bild: Peter Weidemann In: Pfarrbriefservice.de
Willkommen in der Pfarrei St. Barbara Breinig
Willkommen in der Pfarrei St. Barbara Breinig
In der Bibelarbeit mit Gruppen ist das Bibliodrama in den letzten Jahren ziemlich populär. Dabei übernehmen die Teilnehmer Rollen aus einem biblischen Text, nicht nur, indem sie das sagen und spielen, was in der Bibel erzählt wird, sondern vor allem, indem sie versuchen, sich in diese Person hineinzuversetzen.
Was fühlt sie?
Was denkt sie?
Was motiviert sie?
Nun kann ich sie schlecht einladen, mit mir ein solches Bibliodrama aufzuführen, aber etwas anderes können wir schon tun, nämlich zumindest in Gedanken in die Personen des heutigen Evangeliums zu schlüpfen – und vielleicht unsere eigenen Erfahrungen, unsere Ängste und Sehnsüchte in ihnen wiederzufinden.
Da ist zunächst der jüngere Sohn.
Mir fällt es relativ leicht, in diese Rolle zu schlüpfen. Denn es geht um ein Problem, dass wir (so oder so) wohl alle schon erlebt haben:
Aus einem Kind wird ein Jugendlicher und dann ein junger Erwachsener, der sich immer mehr von zuhause abnabelt; der auf eigenen Füßen stehen will; der seinen eigenen Weg gehen will.
Soweit ist es wohl durchaus kein unlauteres Verlangen, wenn der Sohn den Vater bittet: „Gib mir meinen Anteil, um mich selbständig zu machen.“
Wenn ich an dieser Stelle dann aber in die nächste Rolle schlüpfe, nämlich die des Vaters, kommt für mich das erste Überraschende an der Geschichte:
Da ist nämlich nicht die Rede von ellenlangen Diskussionen, nach dem Motto: Kannst du es denn irgendwo besser haben als zuhause? Wovon willst du denn existieren?
Und da ist auch nicht die Rede von den Sorgen des Vaters: Wird das gutgehen? Ist er nicht noch viel zu jung dafür?
Von alldem ist nicht die Rede – und ich spüre, wenn ich mich in diesen Vater hineinversetze: Der muss ein sehr großes Vertrauen haben in seinen Sohn.
Das wäre schon mal eine ziemlich wichtige Botschaft an alle Eltern von pubertierenden Jugendlichen.
Schlüpfen wir nochmal zurück in die Rolle des Sohnes, in die Rolle eines jungen Mannes, der in die Welt zieht, um sich selbständig zu machen…
Der steht nun wirklich auf eigenen Füßen – und muss nach ziemlich kurzer Zeit feststellen: Diese Füße tragen nicht.
Er landet da, wo er mit Sicherheit nicht hinwollte: in der Gosse, bei den Schweinen, am Rand der Gesellschaft.
Ich kann mich ziemlich gut hineinfühlen in diesen jüngeren Sohn…
Er weiß genau: Ich habe Mist gebaut. Da komme ich allein nicht mehr heraus.
Er weiß aber auch, was ihn erwartet: "Das habe ich dir doch gleich gesagt…
Hättest du auf mich gehört…
Du wolltest es ja nicht anders…"
Ich könnte es gut verstehen, wenn ihm der Mut fehlte, zum Vater zurückzukehren und sein Scheitern einzugestehen.
Und so würde die Geschichte vermutlich im wirklichen Leben viel zu oft enden.
Dass der Sohn zurückkehrt, um den Vater um Hilfe und um Verzeihung zu bitten, ist alles andere als selbstverständlich.
Ich spüre, was für ein positives Bild dieser Sohn von seinem Vater haben muss, dass er sich das traut.
Ich erinnere mich an Reinhard Mey, der in einem Song getextet hat:
Ich wünsche allen Kindern dieser Welt Eltern, die aus diesem Holz geschnitzt sind.
Reinhard Mey: Lied "Zeugnistag"
https://www.songtexte.com/songtext/reinhard-mey/zeugnistag-2bda04d6.html
Ja, ich wünsche allen Kindern, dass sie dieses Grundvertrauen in ihre Eltern haben – egal, was ich angestellt und verbockt habe, ich weiß, die sind trotzdem und immer für mich da.
Eigentlich müssten wir jetzt wieder in die Rolle des Vaters schlüpfen, aber ich schaue ein wenig auf die Uhr (was die Länge der Predigt angeht) – und da ist noch eine dritte Rolle, in die ich zwar sehr ungern schlüpfe, aber die vielleicht die wichtigste Rolle in unserm Evangelium ist: der ältere Sohn.
Der ist wütend.
So sehr, dass er am Fest nicht teilnehmen will; dass er nicht einmal mehr den Namen seines Bruders in den Mund nimmt: Der da…
Und wenn ich mich wirklich in ihn hineinversetze, dann spüre ich auch, wie ich seine Gefühle durchaus kenne: Hat er denn nicht recht, der ältere Sohn?
Hätte ich denn wirklich anders reagiert?
Ich habe meinen Vater jahrelang gepflegt und kaum ein Dankeschön gehört.
Aber wenn alle sieben Pfingsten mein Bruder kam, der sich sonst um gar nichts gekümmert hat, war er der King.
Ich mache in der Firma die meiste Arbeit. Und wer wird befördert?
Meine Kollegin…
Das Ende der Geschichte bleibt im Evangelium offen.
Wir der ältere Sohn einlenken?
Kann er sich auf die Gedanken und die Gefühle des Vaters einlassen?
Oder wird er selbst am Ende zum „verlorenen Sohn“?
Gerade weil ich mich in die verschiedenen Rollen hineinversetzt habe, wird mir deutlich: Es geht vielleicht genau um diesen Perspektivwechsel.
Und ein solcher Perspektivwechsel hätte am Ende dem älteren Sohn geholfen: Für ihn war das Verhalten des Vaters ungerecht – der jüngere Bruder hatte es doch gar nicht „verdient“.
Für den jüngeren Bruder war es einfach nur ein Geschenk – „unverdient“.
In einer Firmgruppe wurde über den Spruch Jesu diskutiert, man solle 77-mal vergeben.
Der Katechet gab am Ende der Gruppenstunde die Aufgabe, dies einfach mal in die Tat umzusetzen. Und die Firmlinge sollten mal nachzählen, wie oft das wohl sein werde…
Am Ende der Woche waren alle ziemlich frustriert und genervt. Die Aufgabe fanden alle viel zu groß - das kann doch niemand: 77-mal vergeben...
Am Ende dieser Gruppenstunde erhielten sie nun die Aufgabe, in der nächsten Woche umgekehrt darauf zu achten, wann sie die Großzügigkeit, die Vergebungsbereitschaft der Anderen in Anspruch nehmen.
Am Ende dieser Woche sagten alle: Die Erfahrung, dass ich selbst Fehler habe und Fehler mache und dennoch angenommen werde, macht es leichter (und vielleicht sogar erst möglich) selbst anderen wirklich zu vergeben.
Ich bin davon überzeugt: Genau so einen Perspektivwechsel will Jesus bei uns bewirken.
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Unter uns gesagt:
Manchmal bin ich wie der jüngere Sohn:
Forsch und ungestüm,
zu Risiken und Nebenwirkungen bereit.
Dann wieder wie der ältere Sohn:
Trage nach und rechne kleinlich vor,
bis kein gutes Haar mehr übrig bleibt.
Irgendwann hoffentlich bin ich wie der Vater:
Von Herzen gütig
und verzeihend - mir selbst
und anderen gegenüber.
Peter Schott
www.pfarrbriefservice.de
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Mit frühlingshaft-sonnigen Sonntagsgrüßen,
Ihr
Ulrich Lühring